Rennbericht Riderman Teil 2

Nach dem ersten kleinen Bericht von Anthony folgt heute noch ein zweiter Bericht aus der Sicht von Karsten:

 

Eigentlich standen Zeichen für die diesjährige Ausgabe des Riderman mehr als gut. Angereist als Vorjahresdritter und den Ergebnissen und Zahlen der letzten Wochen zu urteilen in vermeintlicher Bestform, war die Motivation entsprechend groß.

Tag 1: Einzelzeitfahren

 

Gleich beim Eröffnungszeitfahren am Freitag musste ein deutliches Ausrufezeichen gesetzt werden, um mit einem passablen Sicherheitspolster zu den Bergfahrern in den kommenden beiden Tage gehen zu können. Mit Startnummer 130 gehe ich sehr früh auf die Strecke, nur Christian Müller ist von den potenziellen Tagessiegern noch früher dran als ich. Kurz vor meinem eigenen Start fährt er neben mir über die Ziellinie, mit einer Zeit von 20:58min. Alter Schwede, fast eine Minute schneller als meine Vorjahreszeit. Eine echte Überraschung jedoch nicht, denn wenn jemand schnell gegen die Uhr fahren kann, dann Christian. Dennoch fühle ich eine leicht ansteigende Nervosität.

 

Dann gehe ich auf die Strecke. Anfangs deutlich zurückhaltender als im Vorjahr um nicht auf dem letzten Kilometern wieder zu verhungern. Der Wind ist kräftig aber ohne  echte Probleme fahrbar. Nach 10:30min komme ich vom Wendepunkt. Ich ahne dass es eng werden würde und fahre den Rückweg  zur Hirschhalde deutlich offensiver an als den Hinweg. Oben an der 3000 Meter Marke angekommen, bleiben mir noch 3 Minuten für die Bestzeit. Ich verabschiede mich vom Gedanken an den Tagessieg, denn trotz der steilen Abfahrt von der Halde ist ein 60er Schnitt bis zum Ziel mehr als unrealistisch.  Ich versuche trotzdem konzentriert zu bleiben und die Leistung nach der Abfahrt konstant oben zu halten. Bei knapp unter 21:20min fahre ich über die Linie, am Ende Platz 3 hinter Christian Müller und einem für viele überraschend starken Christan Kreuchler, der sogar nochmal eine Sekunde vor der bisherigen Bestzeit übers Ziel ging.

 

Auch wenn es nach einem Auftakt fast nach Maß aussah, war ich dennoch nicht zufrieden.  Zeigten doch die Zahlen, die die sündhaft teure Elektronik am Rad ausspuckte, deutliche Abweichungen zu den gewohnten Zahlen der letzten Wochen und wurden doch viele der Top Fahrer mit späten Startzeiten deutlich mehr vom auffrischenden Wind als von mir in die Knie gezwungen.  Im Ganzen sah es für das Team noch recht gut aus. Mit Jochen auf 13, Anthony auf 24 und Stefan auf 32 lagen alle 4 unserer Top Fahrer im Bereich von 50 Sekunden auf die Bestzeit und hatten somit alle noch gute Chancen auf Verbesserung im GC. 

Tag 2:

 

Da das Zeitfahren am Vortag im engeren Sinne keine echte Belastung war, sollte die Erholung über Nacht eigentlich ganz gut funktionieren. Die Beine schienen auch wirklich unbeeindruckt, aber wirklich fit fühlte ich mich dennoch nicht. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass es ein paar Rennkilometer braucht den alten Motor wieder in Schwung zu bringen.

 

Tatsächlich schien sich nach ein paar Minuten im Renntempo wirklich alles zu normalisieren. An der ersten Bergwertung halte ich mich zurück während Stefan wie abgesprochen über die Kuppe mitsprintet und sich die Punkte relativ locker sichert. Anthony bleibt ebenfalls wie besprochen kurz vor mir und fährt locker die kleine Lücke nach der Wertung wieder zu. Bis dahin also alles nach Plan. Die zweite Bergwertung schmerzt schon deutlich mehr. Jochen und Stefan fahren vorne um die Punkte mit, während ich schon merklich Mühe habe die Lücke nach vorne nicht allzu groß werden zu lassen. Anthony fährt gefühlt mit halber Kraft neben mir und spannt sich nach der Wertung wieder sofort vor mich in den Wind um mich wieder an der Spitze abzuliefern. Ich ahne nichts Gutes für die vielen Höhenmeter die an diesem Tag noch vor uns liegen. War dies doch erst der Auftakt und ich hatte schon ernsthafte Probleme der Spitze an den Anstiegen zu folgen. An der dritten und deutlich längeren Bergwertung wird zum ersten Mal wirklich ernst gemacht. Christian Kreuchler forciert deutlich die Gangart und in Zeitlupe öffnet sich zwischen Valentin Szalay, an dessen Hinterrad ich klebe, und mir die Lücke. Unerbittlich immer weiter. Oben angekommen  sind es locker 10 Sekunden die mir fehlen und zu allem Überfluss herrscht straffer Gegenwind. Unter Normalbedingungen eigentlich genau mein Ding, aber heute komme ich kein Stück an die Gruppe vor mir heran. Ich rufe nach Anthony der vorne ist, obwohl ich weiß, dass es Quatsch ist. Zum Einen wird er mich nicht hören, zum Anderen wäre es Verschwendung, seine Kraft zu vergeuden um mich vielleicht ein weiteres mal nach vorne zu bringen bevor ich am nächsten Berg endgültig Kapitulieren muss. Zu meinem Glück kommt Christian Müller von hinten herangeflogen und schließt fast spielerisch in seinem Zeitfahrmodus wieder die Lücke nach vorne. In der Gruppe wird das Tempo weiter extrem hoch gehalten, sodass Erholung so gut wie nicht möglich ist.

 

Am langen Anstieg aus der Wutach Schlucht heraus ist dann endgültig Feierabend für mich. Wieder geht die Lücke bei dem hohen Tempo der Spitze vor mir auf, diesmal jedoch deutlich schneller. Meine Moral ist mittlerweile am Boden, der Podestplatz in der Gesamtwertung innerlich schon längst abgehakt. Neben mir leidet sich Denis Holsinger vom Team Strassacker den Anstieg hinauf. Was ich im Kleinen für mich erlebte, trifft das Team Strassacker gerade als ganzes Team. Kein Mann in der Spitzengruppe, das Team weit weg von der Dominanz des Vorjahres. Aus den einzelnen abgehängten Fahrern bildet sich eine Verfolgergruppe in der das Team Leeze die Verantwortung übernimmt und dafür kämpft Patrick Altefrohne im gelben Trikot des GCC zu halten. Vergeblich. Über eine Minute nach der Spitze rolle ich über die Ziellinie, die Mühe einen Sprint zu fahren spare ich mir.

 

 

Ich Rolle durch den Kreisverkehr und setzte mich am Rand auf eine Bank. Ich bin leer, ausgebrannt und enttäuscht. Das selbst gesteckte Ziel mehr als verfehlt, alles was in den letzte Wochen an Leistung fast wie von selbst abrufbar war, war quasi nicht mehr existent. Freud und Leid lagen in diesem Moment nur rund 5 Meter auseinander. Vor mir im Gras lag ein erschöpfter aber überglücklicher Christian Müller, der wahrscheinlich auch für sich selbst überraschend, gerade die Etappe gewonnen hatte. Völlig zurecht nach einer unglaublichen Energieleistung und der cleversten Fahrweise an diesem Tag.

 

Für unser Team sah es hingegen nach der Etappe in Summe sehr gut aus. Durch die Beteiligung von Anthony und Stefan an der Spitzengruppe, lagen wir nun in der Gesamtwertung auf den Plätzen 9(Anthony), 10(Stefan), 11(Karsten) und 14(Jochen) und damit in der Teamwertung auf Platz 1.

Tag 3: 

 

Meine Verfassung gegenüber dem Vortag hat sich weiter verschlechtert. Ich fühle mich müde und kraftlos. Da ich ahne was mir heute bevorsteht, entschließe ich mich abseits des Teams alleine warm zu fahren. Ich bin mir sicher, dass der gestrige Tag nur ein Vorgeschmack auf das Desaster von heute war und darauf möchte ich mich lieber allein im Stillen vorbereiten. Ich kurbele vermeintlich locker die Hirschhalde hoch. Bei 250 Watt läuft mir der Schweiß in Strömen unter dem Helm hervor, mein Atem geht schwer. Eine Leistung die ich mir normalerweise morgens um kurz vor sechs auf dem Weg zur Arbeit aus der verschlafenen linken Socke schüttele, bringt mich heute schon an die Grenze. Ich rolle dennoch hinunter zum Start.

 

Trotz brutaler Windkante nach nur 10 Minuten Rennen und einem sehr zügigen Tempo auf den ersten Kilometern, mogele ich mich mit gutem Auge und Rennerfahrung irgendwie über die erste Bergwertung. Am zweiten Anstieg des Tages erhöht Anthony direkt zu Beginn deutlich das Tempo. Ich versuche erst gar nicht das Tempo mitzugehen und reihe mich direkt in der zweiten Gruppe mit moderatem Tempo ein. An der dritten Bergwertung ist der Tag und die Rundfahrt dann endgültig für mich gelaufen. Im dichten Feld fährt der Fahrer neben mir eine leichte Welle der ich ausweichen muss und promt spielt ein Belgier mit seinem Schnellspanner in meinem Hinterrad Harfe. Drei mal C-Dur, einmal F-Moll. Speiche durch, Felge eiert, Bremse schleift. Zum Fluchen bin ich in diesem Moment schon zu müde. Ich öffne die Bremse, doch sie schleift immer noch bei jeder Umdrehung leicht an der Felge. Ein paar Kilometer kann ich mich noch in der Gruppe halten, bevor ich auf einer schnellen Abfahrt die Mehrleistung einfach nicht mehr treten kann und abreißen lassen muss. Ich bin am Ende. Nach einiger Zeit Alleinfahrt fahre ich zu Kai Miebach (Strassacker) auf. Als ich in sein Gesicht schaue, habe ich den Eindruck in einen Spiegel zu blicken. Der Blick leer, eingefallene Gesichtszüge, das Leiden stellt sich offen zur Schau. Wir reden nur kurz miteinander, uns ist beiden klar „irgendwie ankommen“ das einzige ist was wir heute noch erreichen können.

 

Irgendwann kommt eine größere Gruppe von hinten und ich bin dankbar nicht mehr im Wind fahren zu müssen. Ich lasse mich von der Gruppe ohne aktive Beteiligung ins Ziel schleppen, rolle wieder über den Kreisverkehr nach der Zieldurchfahrt, falle wieder auf die Bank. Ich kämpfe schwer mit mir selbst die Fassung zu halten. Die ganze Vorbereitung, die investierte Zeit der letzten Wochen, die Disziplin meine geliebten Waffeln und Pfannkuchen bei Seite zu lassen, alles umsonst. Zielerreichung Null Prozent. Irgendwann stehe ich auf, fahre zurück zum Hotel.

 

Dank der fast perfekten Leistung von Stefan, Anthony und Jochen schaffen wir es trotz meines quasi Totalausfalls mit dem Team die Teamwertung zu gewinnen. Anthony wird gesamt 8er, Stefan 9er und gewinnt in seiner Altersklasse, wird zudem noch zweiter in der Bergwertung. Jochen wird 15er während ich auf 31 abrutsche.

 

So bleibt doch die positive Bilanz nach drei Tagen: Das Team ist ein Team geworden. Ohne viele Worte hat jeder im Rennen sein Bestes für das Team beigetragen. keiner hat auf sich geschaut sondern immer an alle gedacht. Einer ist gefallen, die Anderen sind eingesprungen.

 

 

Dank Sturmtief Fabienne fiel der Heimweg ins Rheinland deutlich länger aber dafür im Tenor der Grundstimmung aus. Meine sonst bunt gemischte Playlist reduziere ich vor der Fahrt. Es läuft ABBA in Dauerschleife – Waterloo.